Montag, 20. Februar 2012

Vikarenhumor ist... wenn man trotzdem lacht

Nach vier Kurswochen nonstop mit meditativen und explosiven Momenten, stillen Stunden und lauten Worten, bin ich wieder in meinem normalen Alltag angelangt: ich verbringe mehr als zwei Tage pro Woche zuhause und kann mein Privat- und Freizeitleben wieder so gestalten, wie ich das möchte. Vorgestrige Menschen nennen das Work-Life-Balance. Ich nenn's einfach Life-Balance. Bei der Arbeit bin ich ja nicht tot.

Heiraten, beerdigen, neue Kirchen pflanzen und Ikonen malen; taufen, Sterbende begleiten, Seelsorgegespräche analysieren und nachstellen; Freiwillige hegen und pflegen, die Kirchenräume hübsch und familienfreundlich gestalten...

Zeit für Humor blieb trotzdem. Oder für das, was man in einem Vikariatskurs als Humor zu identifizieren glaubt.

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Nach dem sehr reichhaltigen Mittagessen im Restaurant, der Kaffee wird serviert. Vikar U. fragt: "So, sind wir alle wieder arbeitsfähig?" Vikar S. darauf: "Jo nei... süsch würe mer jo nöd i de Chile arbeite!"


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Der Kursreferent stellt eine Frage. Die Vikare starren ihn schweigend an. Keine Reaktion. Der Referent versucht die Situation zu retten: "Ein Sprichwort sagt: Wie soll ich wissen, was ich denke, wenn ich nicht höre, was ich sage." Sagt mein Tischnachbar Vikar L. zu mir: "Für di gilt da im Fall nöd!" (Wer je das Vergnügen hatte, mit mir in einem klassenähnlichen Verband zu sitzen, solidarisiert sich an dieser Stelle mit Vikar L.)

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Der Kursreferent zeigt Bilder von Kirchen und Kirchgemeindehäuser, die seiner Meinung nach besonders gut oder besonders schlecht ausgestattet sind. Bei einem schlecht erkennbaren Bild einer Küche sagt er: "Hier seht ihr nun ein typisches Beispiel einer modernen Gemeindeküche in Deutschland. In der Schweiz findet man das nirgends!" (Ich versuche vergebens, etwas zu erkennen.) "Da steht nämlich ein Bierhahn!" (Aha, jetzt wo er's sagt...) "Das ist ein gutes Beispiel für Gender in der Praxis! Man soll die Innengestaltung der Räume eben nicht alleine den Frauen überlassen." (Ja, das hat er gesagt, das hat er gesagt!!)

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"Apparatchiks sind keine Männer." (Begründung des Referenten, weshalb der Pfarrer in einem Gemeindeprojekt in einem Frauenteam nicht der 'Quotenmann' sein kann.)


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Die Beispiele sind nicht erfunden. Falls euch das Lachen im Hals stecken geblieben ist, zahl ich euch ein Genderbier, um den Frosch hinunterzuspülen. 

Montag, 6. Februar 2012

OM!

Ich gehe jetzt nach Montmirail, schweigen und meditieren und das Yogamätteli und die Wanderschuhe habe ich gleich auch noch eingepackt. Als ich vor rund einem Jahr wahlpflichtig die Option "Spiritualitätswoche" oder "Psychologie und Seelsorge" ankreuzen musste, habe ich mich für ersteres entschieden. Der Grund war nicht ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Meditationserfahrung - im Gegenteil! Das Wort Spiritualität rief damals durchaus negative Konnotationen hervor: Weltflucht, Egotrip, peinliche Stille. Aber ich habe das Kreuzchen trotzdem, oder gerade deswegen, bei der Spiritualitätswoche gemacht, weil ich mich einmal in die Höhle des Löwens vorwagen wollte. Später habe ich gelernt, dass man dies die Lernzone (im Vergleich zur Komfortzone) nennt. Da, wo einem weniger wohl ist, wo es ein bisschen weh tut, leichte Panik ausbricht, da lernt man etwas Neues und geht an seine eigene Grenzen. Und da sind wir Vikare und Vikarinnen angehalten hinzugehen. Diesen pädagogischen Grundsatz habe ich dann zwar erst Monate später im Viakariatskurs gelernt (und war ein bisschen stolz auf mein unbewusstes Lernbewusstsein).

Die Panik vor der Stille und der Meditation ist längst abgebaut. Ich gehe heute nicht in die Lernzone, sondern in die Komfortzone, freudig gespannt wie es so ist, im Kloster. Es war die richtige Entscheidungen und mein sturmer Vikariatskopf braucht nichts anderes als das: ganz viel Stille.

Also, a presto, bambini e bambine! Ich geh dann mal in mich!

Samstag, 4. Februar 2012

Im falschen Film

Samstagabend.

Nach einer weiteren intensiven Studienwoche auf dem kirchlichen Hochsitz Boldern über dem Zürichsee scheint mir das Versinken im Kinosessel die richtige Freizeitoption. Man wird nicht gesehen, braucht nicht zu reden und kann sich der Passivität voll und ganz hingeben. In die Welt des Films entfliehen...

Der Blick ins Kinoprogramm ist reizvoll. Im Vergleich zu anderen Wochen flimmern gleich mehrere sehenswerte Filme über die Leinwand. Wichtigstes Auswahlkriterium für heute: leicht, luftig, ein Hauch von Hollywood, ein bisschen Romanze, ein paar Tränen und zum Schluss ein fulminantes Wohlfühlende. Die Seelsorgewoche auf Boldern hatte nämlich mit einigen heftigen Themen aufgewartet: zum Beispiel Seelsorge am Sterbebett und bei Hinterbliebenen. Nach der schonungslosen Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit und der Rolle als Pfarrerin am Ende eines Lebens schien mir George Clooney gerade der richtige Zeitgenosse, um das Gedankenrad zum stehen zu bringen und die heiteren Seiten des Lebens zurück ins Bewusstsein zu holen.

George Clooney - in erster Linie professioneller Nespressotrinker und Dauerbeau. Unglücklicherweise schien meine Erinnerung nicht so weit zurück zu reichen, dass der umschwärmte Hollywoodstar eben nicht nur einfach schön aussieht, sondern sehr oft kritische und aufwühlende Rollen verkörpert, die, wenn auch oft mit einer grosszügigen Portion Ironie, gar nicht so leicht daherkommen wie die Lektüre über das Privatleben des Schauspielers in der Gala. George Clooney in einem oscarnominierten Film, das ist der ultimative Abschaltfilm - dachte ich mir. Ich hatte noch "Up in the Air" im Kopf, eine wahrlich leichte Liebeskomödie an den Flughäfen der Welt.

Hätte ich vorher die Zusammenfassung des Films "The Descendants" gelesen, hätte ich geahnt, dass der Film nichts anderes ist, als eine Fortsetzung der Seesorgewoche auf Boldern: eine Frau auf dem Sterbebett, umgeben von der sich streitenden und versöhnenden Familie, die sich in der ausweglosen Situation irgendwie ihren Weg sucht - manchmal recht, manchmal schlecht. "The Descendants" - ein gehaltvoller und unglaublich stark gespielter Film. Aus Perspektive der Vikarin jedoch eine Verlängerung der bisher emotionalsten und dichtesten Seelsorgewoche. Immer wieder habe ich mich beim Gedanken ertappt, wie ich auf diese oder jene Situation reagieren würde, habe das inszenierte Familiensystem analysiert und mich gefragt, welche Rolle die einzelnen Charaktere in diesem Beziehungsnetz spielen.

Die Seelsorgewoche hat mir bestimmt eine ganz eigene Perspektive auf den Film eröffnet. Aber eigentlich wollte ich doch nur im Kinosessel versinken und die Sterblichkeit ganz und gar vergessen...

Lesson learnt: als Vikarin das Kinoprogramm ganz genau studieren!